Ärzte Zeitung, 23.06.2017

E-Health

Digitalisierung bringt Praxen und Kliniken näher zusammen

Der Ausbau einer reibungslosen sektorübergreifenden Versorgung dürfte eines der großen Themen für das Gesundheitswesen in der nächsten Legislaturperiode werden. Niedergelassene Ärzte profitieren, wenn sie sich schon heute auf mögliche Änderungen einstellen.

Von Hauke Gerlof

Digitalisierung bringt Praxen und Kliniken näher zusammen

Per Fingertipp in die Praxis? In Zukunft werden Patientendaten über die Patientenakte sehr schnell einrichtungsübergreifend verfügbar sein.

© gekaskr / adobe.stock.com

DÜSSELDORF. Gesundheitskongress des Westens, Deutscher Ärztetag, Hauptstadtkongress: Kaum eine größere Veranstaltung im Gesundheitswesen kommt derzeit um das Thema intersektorale Versorgung herum.

Muss für eine sektorübergreifende, effiziente Versorgung von Patienten ein dritter Sektor eingeführt werden? Wie lässt sich die Notfallversorgung sektorübergreifend und ressourcenschonend gestalten?

Weiterhin: Auf welche Weise müsste eine einheitliche Qualitätssicherung gestaltet sein, um die in Praxis und Klinik erbrachten Leistungen besser vergleichen zu können? Kann die Kommunikation zwischen Ärzten in den verschiedenen Sektoren in Zeiten der elektronischen Patientenakte anders effizient organisiert werden?

Themen an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, auch in Richtung Rehabilitation und Pflege, gibt es genug. Sie sind zuletzt in einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von prominenten Autoren zusammengeführt und mit Forderungen zur Umsetzung versehen worden. Dazu gehören vor allem

- eine einheitliche Honorierung der Leistungen unabhängig vom Ort der Leistungserbringung,

- gemeinsame Klassifikation der Krankheiten und des medizinischen Leistungsgeschehens für alle Leistungserbringer und

- eine sektorübergreifend gestaltete einheitliche Qualitätssicherung.

"Gesundheitspolitischer Konsens"

Genau diese Themen werden in der kommenden Legislaturperiode mit Sicherheit aufgegriffen, ist sich Daniel Zehnich, Direktor Gesundheitsmärkte und Gesundheitspolitik bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank) sicher.

"Dass eine Verzahnung der Versorgungslandschaft kommt, ist inzwischen gesundheitspolitischer Konsens, und wir gehen davon aus, dass das Thema nach der Bundestagswahl einen neuen Schub bekommt. Es bleibt nur noch offen, in welchem Zeitrahmen die Integration stattfinden wird", sagt Zehnich im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Noch nicht erste Priorität

Die apoBank sieht es laut Zehnich als Aufgabe an, Ärzte für das Thema zu sensibilisieren. Die aktuelle eigene Studie "Inside Heilberuf" hat ergeben, dass Ärzte für eine Vernetzung der ambulanten und stationären Versorgung mehrheitlich keinen Handlungsbedarf sehen: Nur 29 Prozent der befragten Fachärzte und 24 Prozent der Hausärzte priorisieren dieses Feld.

Viel wichtiger sind für die Ärzte dagegen die Felder Nachwuchssicherung, Bürokratieabbau und die Aufhebung der Budgetierung in der Patientenversorgung.

Zehnich empfiehlt Ärzten, auch die sektorübergreifende Versorgung stärker in den Blick zu nehmen: "Es ist wichtig und sinnvoll, sich rechtzeitig auf die kommenden Entwicklungen vorzubereiten und die Chancen zu nutzen", betont Zehnich.

Verändertes Berufsumfeld

Konkret müssten sich Ärzte auf ein verändertes Konkurrenzumfeld einstellen: "Wir gehen davon aus, dass die Anzahl von fach- und sektorübergreifenden Versorgungsstrukturen weiter zunehmen wird", so der Experte für Gesundheitspolitik.

Niedergelassene Ärzte sollten aber auch die Chancen nutzen, etwa indem sie die Entwicklung aktiv mitgestalten und die sektorübergreifende Zusammenarbeit in konkreten Projekten umsetzen und neue Versorgungsmodelle ausprobieren.

Zehnich: "Dafür stellt die Politik auch Fördermittel im sogenannten Innovationsfonds bereit: jährlich 300 Millionen Euro bis zum Jahr 2019. Über 90 Projekte stehen bereits auf der Liste der geförderten Projekte."

An dieser Stelle werde auch die Digitalisierung als eine Art Katalysator eine wichtige Rolle spielen, "der die Verzahnung und Dokumentation für beide Sektoren erheblich erleichtern wird" – ob bei der Vernetzung von ambulanten und stationären Versorgungsstrukturen, in der Qualitätssicherung oder in der Unterstützung der Pflege, aber auch in der Patientenkommunikation und -information.

Neue Diagnosemöglichkeiten

Im Rahmen neuer Diagnose- und Therapiemöglichkeiten schaffe die Digitalisierung konkreten Patientennutzen: Dieser reiche von der elektronischen Patientenakte und dem Einsatz von innovativer Medizintechnik bei Operationen bis hin zur Konsultation externer Spezialisten schon während der Operation beziehungsweise während der Behandlung und einer engeren Verzahnung mit niedergelassenen Ärzten.

Auch eine lückenlose Dokumentation von Behandlungspfaden könne für Forschungs- und neue Therapiezwecke genutzt werden.

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