Ärzte Zeitung online, 20.03.2017

"Charité"-TV-Serie

Mediziner, Männerbünde und eine ehrgeizige Frau

Sie kämpfen um das Leben ihrer Patienten: Ärzte, Forscher und eine leidenschaftliche junge Krankenpflegerin. Mit der historischen Krankenhaus-Serie "Charite" will die ARD an den Erfolg von "Weissensee" anknüpfen.

Mediziner, Männerbünde und eine ehrgeizige Frau

Dreharbeiten zum neuen ARD-Sechsteiler "Charité"

© ARD/Nik Konietzny

BERLIN. Kein fließendes Wasser, kein elektrisches Licht. Der Krankenhaus-Alltag in der Berliner Charité ist Ende des 19. Jahrhunderts hart. Dennoch schreiben zu dieser Zeit dort Männer wie der Mikrobiologe Robert Koch (Justus von Dohnányi), der Pathologe Rudolf Virchow (Ernst Stötzner), der Immunologe Emil von Behring (Matthias Koeberlin) und der Chemotherapie-Begründer Paul Ehrlich (Christoph Bach) Medizingeschichte. Drei von ihnen erhielten später den Nobelpreis.

Sendetermine "Charité"

Das Erste startet den Sechsteiler „Charité“ am Dienstag, 21. März, um 20.15. Uhr, mit einer Doppelfolge.

Im Anschluss wird um 21.50 Uhr die Dokumentation „Die Charité - Geschichten von Leben und Tod“ ausgestrahlt.

Weitere Ausstrahlungstermine sind immer dienstags: von 28. März bis 18. April, jeweils um 20.15 Uhr.

Die an diesem Dienstag (20.15 Uhr) im Ersten startende historische Krankenhaus-Serie "Charité" erzählt von diesen konkurrierenden Ärzten und Forschern - vor allem aber von der ehrgeizigen jungen Krankenpflegerin Ida Lenze (Alicia von Rittberg), die sich gegen die Männerherrschaft auflehnt. Und auch Liebe und Leidenschaft kommen im "Charité"-Sechsteiler nicht zu kurz.

Mit der ambitionierten historischen Krankenhaus-Serie in der Regie von Sönke Wortmann ("Frau Müller muss weg!", "Deutschland. Ein Sommermärchen") will die ARD an den Erfolg der Serie "Weissensee" anknüpfen. Mit ähnlich großer Sorgfalt wie in "Weissensee" die DDR wird in "Charité" das Klinik-Leben um das Jahr 1888 in Szene gesetzt. Auch inhaltlich setzt die Serie auf die richtig Mischung: Medizingeschichte und Politik, Gesellschaftsleben und Zwischenmenschliches in der Wilhelminischen Zeit.

Die junge Waise Ida schleppt sich mit akuter Blinddarmentzündung in die "Charité" - das Krankenhaus, dessen Name "Barmherzigkeit" bedeutet. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt. Oberin Martha (Ramona Kunze-Libnow) empfiehlt kalte Leibwickel. So neumodische Dinge wie Operationen lehnt die Diakonisse ab. "Der Körper muss sich selbst heilen - mit guter Pflege und Gottes Hilfe", sagt Martha, die gegen den "Ungeist des sogenannten Fortschritts" kämpft. Doch der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Im Auditorium wird Ida vor den "Charité"-Studenten mit einer neuen Methode operiert - und überlebt.

Weil sie die Behandlungskosten aber nicht bezahlen kann, muss Ida ihre Schulden abarbeiten. Als "Hilfswärterin" pflegt sie an der Seite der Diakonissen und weltlichen Wärterinnen die Kranken. Die 23-jährige Alicia von Rittberg ("Und alle haben geschwiegen") spielt die junge Frau, die für ein selbstbestimmtes Leben kämpft. Ida möchte Medizin studieren - doch ein Studium ist Frauen im Deutschen Reich verboten. "Für eine Frau haben Sie ja ungewöhnliche Interessen", meint Doktor von Behring missbilligend. Und selbst die eigenen Krankenpflege-Kolleginnen lachen nur über Idas Wunsch.

Die gebürtige Münchnerin von Rittberg stand schon mit internationalen Stars wie Brad Pitt in "Herz aus Stahl" und Ewan McGregor in "Verräter wie wir" vor der Kamera. Ihre Ida spielt sie als sympathischen, sensiblen Dickkopf. In der Schweiz könnte Ida Medizin studieren. Doch da sind in Berlin auch noch zwei Männer, für die sie Gefühle hat: Der hochmütige Forscher und Arzt von Behring und der Medizinstudent Georg Tischendorf (Maximilian Meyer-Bretschneider), der als begabter Künstler nur seinem Vater zuliebe studiert und die Männlichkeitsrituale in einer schlagenden Verbindung mitmacht.

Das dicht gewebte und aufwendig recherchierte Drehbuch (Dorothee Schön, Sabine Thor-Wiedemann) setzt Regisseur Wortmann gekonnt um. Nie verheddert sich die Story in den vielen Handlungssträngen. "Ich kannte diese Zeit überhaupt nicht", so Wortmann im dpa-Interview. "Insofern habe ich da Neuland betreten, war aber dann sehr schnell fasziniert davon, was damals passiert ist - nicht nur medizingeschichtlich, sondern auch sozialpolitisch", sagt der Regisseur. "Im Nachhinein habe ich mich gewundert, warum es so lange gedauert hat, bis im deutschen Fernsehen diese Zeit mal intensiv behandelt wird."

Die Mediziner der Charité waren Pioniere im Kampf gegen Tuberkulose, Diphtherie, Syphilis, Cholera und Typhus. 1888, im sogenannten Drei-Kaiser-Jahr, kämpfen sie aber nicht nur gegen Krankheiten, sondern auch gegen mangelnde Hygiene in der maroden Klinik, politische Erstarrung und aufkommenden Antisemitismus. Und im Rennen um die neuesten Heilungsmethoden kämpft ein Arzt gegen den anderen. In "Charité" geht es um Männerbünde und Frauenrechte - aber eben nicht zuletzt auch um die Liebe.

Nicht nur Ida bringen ihre Gefühle manchmal durcheinander. Robert Koch (Justus von Dohnányi) verliebt sich in die 30 Jahre jüngere Schauspielerin Hedwig (Emilia Schüle). "Das ist genau so passiert. Die beiden haben auch geheiratet", so Wortmann. "Und sie waren verheiratet, bis der Tod sie schied. Wie romantisch!" Die schüchterne Diakonisse Therese (Klara Deutschmann) wiederum fühlt sich zu Ida hingezogen.

Trotz der Liebeleien ist "Charité" aber eindeutig keine Krankenhaus-Soap geworden, sondern eine spannende, gut recherchierte und packend inszenierte Serie. Wird es eine Fortsetzung geben? "Wenn ganz viele Leute einschalten, dann ja", verspricht Regisseur Wortmann. (dpa)

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